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Reportage: Fabian vor der Justizvollzugsanstalt Pöschwies

Reportage: Fabian geht freiwillig ins Gefängnis

Die Kinder der Nachbarn hüten, Naturschutzgebiete pflegen – oder ein Besuch im Gefängnis: Freiwillige engagieren sich in vielen Gebieten und leisten unbezahlte Dienste an der Gesellschaft. Wir haben einige getroffen und sie zu ihrer Tätigkeit und Motivation befragt.

Eine massive Mauer aus grauem Beton, Kameras und Poller im Eingangsbereich – einladend sieht die Justizvollzugsanstalt Pöschwies im Kanton Zürich nicht aus. Fabian will aber trotzdem rein. Wie immer wird er dem Gefängnispersonal seinen Ausweis zeigen, sich durchleuchten lassen, im Besucherraum Platz nehmen und warten. Dann wird Denis* reinkommen, sich dazu setzen. Vielleicht werden sie über den zweiten Weltkrieg sprechen, beide interessieren sich sehr für Geschichte. Später wird sich Fabian an einen Aspekt des Gesprächs erinnern, recherchieren und Denis einen spannenden Link schicken.

Drinnen und draussen

Denis wurde für einen bewaffneten Raubüberfall verurteilt und verbüsst seine Haftstrafe in der Justizvollzugsanstalt Pöschwies. Fabian ist Inhaber eines Ingenieurbüros, Familienvater – und Freiwilliger im team72. Der Verein engagiert sich in der Bewährungshilfe und für eine verbesserte Resozialisierung von Straffälligen. Dazu gehört auch die Begleitung beim Übergang vom Strafvollzug in die Freiheit. Die rund 60 Freiwilligen des team72 besuchen jährlich etwa 150 Insassen in Vollzugsanstalten und Untersuchungsgefängnissen. Während dieser Besuche tauschen sich die Freiwilligen und ihre Klienten über diverse Themen aus. Manche sprechen auch über sinnvolle Zeitgestaltung und Selbstmotivation.

«Die Besuche machen mich demütig.»

Fabian, Freiwilliger im team 72

Demut und Dankbarkeit

Fabian hat momentan zwei Klienten, die er regelmässig besucht. «Die Besuche machen mich demütig», sagt er. «Sie relativieren meine Probleme und rufen mir in Erinnerung, dankbar zu sein.» Er habe eine schöne Kindheit gehabt, sagt Fabian. Er sei von seinen Eltern unterstützt worden und habe sogar studieren können. «Vielen meiner bisherigen Klienten erging es nicht so.» Er erzählt von seinem zweiten Klienten, einem Serben. Dieser sitzt wegen eines Drogendelikts einige Monate ab. Danach wird er nach Serbien zurückkehren müssen – ohne genaue Zukunftsperspektive. «Ich versuche mit ihm herauszufinden, welche Möglichkeiten es trotzdem gibt. Beispielsweise könnte er die Arbeit in der Landwirtschaft wieder aufnehmen», sagt Fabian.

In Gruppencoachings tauschen sich die Freiwilligen regelmässig aus.

Nähe und Distanz

«Die Probleme der Klienten nicht zu nah an sich heranzulassen, ist ein ständiges Thema», sagt Sonja Maurer, Koordinatorin der Freiwilligenstelle des team72 und Sozialarbeiterin. «In den Ausbildungen der Freiwilligen sprechen wir denn auch über die Grenzen ihres Engagements.» Diese hat auch Fabian schon zu spüren bekommen: «Ein Klient wollte mich auf manipulative Weise dazu bringen, bestimmte Dinge für ihn zu erledigen. Als ich mich geweigert habe, fing er an, im Besucherraum rumzuschreien.» Nach diesem Schock habe er Sonja Maurer angerufen und mit ihr über den Vorfall gesprochen. «Das hat mir sehr geholfen», sagt Fabian.

Gisela, Freiwillige im team 72

«Viele haben sonst niemanden, der sie besucht.»

Gisela, Freiwillige im team 72
Gisela, Freiwillige im team 72

Rückhalt finden die Freiwilligen auch in den Gruppencoachings, die alle paar Wochen stattfinden. Sonja Maurer und die Freiwilligen besprechen dann in der Gruppe allfällige Herausforderungen oder tauschen Erfahrungen aus. Diese Gespräche – wie auch die Gespräche zwischen den Klienten und den Freiwilligen – bleiben vertraulich.

Geben und nehmen

«Ich mag Menschen und Lebensgeschichten», sagt Gisela, eine weitere Freiwillige im team72. Das ist einer der Gründe für ihr freiwilliges Engagement. Zudem ist Nächstenliebe ein wichtiger Grundpfeiler im Leben der gläubigen Christin. «Viele der Klienten haben sonst niemanden, der sie besucht», sagt sie. Sie weiss, welche Delikte ihre Klienten begangen haben. Dennoch kann sie dieses Wissen auf die Seite schieben und ohne mulmiges Gefühl auf sie treffen. Dabei sei jeder Besuch unterschiedlich: Manchmal spielen sie Memory – «ich habe bisher immer verloren» –, manchmal schweigen sie sich an. Und manchmal sprechen sie über die Nachrichten. «Ich investiere Zeit in diese Besuche, erhalte aber dafür Einblicke in andere Lebenswelten und lerne auch viel über mich selber», sagt Gisela. Sie engagiert sich bereits seit sechs Jahren für das team72. Es werden wohl noch einige weitere folgen – vielleicht macht sie es auch lebenslänglich.
*Name geändert

Freiwillige gesucht

Sind Sie daran interessiert, Freiwilligenarbeit in einer Organisation zu leisten? Hier finden Sie einige Anlaufstellen.

Benevol

Der Verein setzt sich für eine solidarische Gesellschaft ein, in der Menschen durch freiwilliges Engagement einen Beitrag an Gesellschaft und Umwelt leisten.
www.benevol.ch

Caritas

Das Ziel der Caritas ist es, Armut in der Schweiz und im Ausland zu bekämpfen. Das kann ein Einsatz bei einer Bergbauernfamilien oder eine Patenschaft für ein Kind aus benachteiligten Verhältnissen sein.
www.caritas.ch

Pronatura

Die Naturschutzorganisation setzt sich für die Biodiversität und den Landschaftsschutz ein. Freiwillige pflegen dazu beispielsweise Naturschutzgebiete.
www.pronatura.ch

Heilsarmee

Heimbewohner betreuen oder Flüchtlinge integrieren – die Heilsarmee bezieht sich auf den christlichen Glauben und unterstützt benachteiligte Menschen weltweit.
www.heilsarmee.ch

Rotes Kreuz

Die Hilfsorganisation bietet freiwillige Einsätze in den Bereichen soziales Engagement, Erste Hilfe und Rettung an.
www.redcross.ch

Pro Senectute

Die Freiwilligen unterstützen die Stiftung dabei, das Wohl der älteren Menschen in der Schweiz zu verbessern, beispielsweise durch einen Besuch.
www.prosenectute.ch

Der Energiemagazinverbund «smart»

Dieser Artikel ist in ähnlicher Form im Energiemagazinverbund «smart» erschienen. Redact unterstützt Energiedienstleister mit Fachartikeln zur Energiezukunft und zu energiepolitischen Entwicklungen. Zusammengefasst in einem Verbund-Kundenmagazin in Kioskqualität mit einer Auflage von über 460 000 Exemplaren.

Isabelle Frühwirt

Über den Autor

Isabelle Frühwirt

Hat das journalistische Handwerk von der Pike auf gelernt und sich beim BFE das nötige Energiewissen angeeignet. Leitet grosse Digital- und Printprojekte und berät Kunden in der Umsetzung von Content-Marketing-Strategien.

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