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Die richtige Mischung: Abstimmung auf einer Tonanlage.
Geissen vom Blüemlisberg

Bock auf Business – auf Reportage mit Redact

Bei Andreas Reichlin dreht sich alles um die Ziege. Unter dem Label «Blüemlisberg – swiss alpine fine food» stellt er am schwyzerischen Engelstock Produkte her, die derzeit die Schweiz und bald vielleicht auch die Gastronomieszene Hongkongs erobern.

«Ufschlüüsse, Kollege, ufschlüüsse…», die Szenerie erinnert an die legendäre Skiliftnummer des Cabaret Rotstift. Warten, drängeln, meckern. Über hundert Geissen stehen morgens um halb sechs im Stall Schlange – nicht vor dem Skilift, sondern vor der Futterausgabe. Der automatische Futterschlitten lässt die ersten vierzehn Tiere auf den Melkstand. Sobald die Geissen vor der Futterausgabe in Position und die Zitzen an die Maschine angehängt sind, startet der Melkvorgang. Vorne fressen, hinten melken. Nach einigen Minuten der fliegende Wechsel – «ufschlüüsse…» – die nächsten Geissen sind an der Reihe. Ein Schauspiel der besonderen Art.

«Geisskalt» schlecken alle weg

Weit über hunderttausend Wanderer kommen jährlich am Geissenhof Blüemlisberg vorbei. Viele davon geniessen nicht nur die atemberaubende Aussicht auf den Talkessel, sondern auch die Produkte, die Andreas Reichlin in seinem Hofladen anbietet. «Letztes Jahr haben wir eine halbe Tonne Geisskäse verkauft. Dazu Hunderte Hofplättli und unzählige Ziegenmilchglacé.» Reichlins Paradeprodukt: «Geisskalt», ein Glacé, das in der halben Zentralschweiz, rund um den Zürichsee, in vielen Badis und sogar im Bundeshausrestaurant in Bern erhältlich ist. «Am beliebtesten sind erfrischende Geschmacksrichtungen wie Honigmelone, Pfefferminze oder Grüner Apfel.» Reichlin, ausgebildeter Lebensmittel- und Logistikfachmann, hat monatelang am Rezept getüftelt. «Die Herausforderung war es, die Caprinsäure, also die Geissensäure, soweit zu reduzieren, dass die Geissenmilch nicht mehr ‘böckelet’.» Es ist ihm definitiv gelungen.

Fotograf auf Reportage
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Fressen, wo gesunde Kräuter wachsen

Am Vormittag ist keine Geiss mehr in Sicht. «Bei schönem Wetter verteilen sich die Tiere irgendwo auf dem über 40 Hektaren grossen Betrieb. Am Abend kehren sie selbständig in den Stall zurück.» Die Herde besteht aus Saanenziegen und gemsfarbigen Gebirgsziegen. «Das sind eigentlich Hochleistungstiere, die im Tal täglich bis zu sechs Liter Milch geben könnten. Wir sind auf dieser Höhe mit zwei Litern zufrieden, denn es geht uns nicht um die Masse, sondern um die Qualität.» Die Tiere bekommen kein Kraftfutter und fressen nur, was auf den kräuterreichen Bergwiesen wächst: «Die vielen ätherischen Kräuter-Öle sind gesund. Wird trotzdem mal ein Tier krank, setzen wir soweit es geht auf eine homöopathische Behandlung.» Das Tierwohl und die Qualität: Reichlins Schlüssel zum Erfolg.

Ziemlich zickig, diese Geissen

Geissen sind spezielle Tiere, hochintelligent aber auch stur und heikel. «Zieht hinter dem Mythen eine Regenwolke auf, rennen sie in den Stall. Sie hassen es, nass zu werden.» Zudem gibt es in der Herde klare Hierarchien. «Die Alphatiere können ziemlich fies sein. Sie schubsen rangniedrigere Tiere und stellen sich ihnen in den Weg.» Ein zickiges Tier also, das Milch abliefert, die verglichen mit der Kuhmilch einige Vorteile aufweist: Niedrigere Laktose- und Casein-S1-Werte, was die Milch allgemein verträglicher macht. Deshalb ist Geissenmilch auch für den asiatischen Markt interessant. Viele Asiaten vertragen keine Kuhmilch, weil ihnen der Milchzuckerabbau Mühe bereitet.

Blüemlisberg – Indonesien, via Hongkong

Die Arbeit am Engelstock ist in zwei Betriebe aufgeteilt: Die Blüemlisberg AG kümmert sich um Produktion, Veredelung und Vermarktung. Reichlins Schwester Brigitte und Ehemann Thomas führen den Landwirtschaftsbetrieb. Andreas Reichlin und seine indonesische Frau Sissy verbringen den Winter jeweils in Asien. «In Hongkong haben wir einen kleinen Food-Vertrieb gegründet und diesen Frühling bereits einige Produkte exportiert.» Chinesen und Käse? «Ja, es gehört in gewissen Kreisen zum guten Ton, Käse zu essen, selbst wenn man ihn gar nicht wirklich mag. Man demonstriert damit seine Weltoffenheit.» In Indonesien wiederum haben Reichlins eine Kaffeeplantage im Hochland Zentraljavas mit knapp 650 Bäumen. «Wir entwässern Reisfelder und pflanzen dort Arabica-Kaffee an. Indonesischer Kaffee ist eher arm an Säure und gilt deshalb als magenschonend.»

Der Ziegenhof Blüemlisberg

Der Hof am Engelstock liegt auf rund 1200 Meter über Meer und ist ab der Bergstation Sattel-Hochstuckli in etwa 45 Minuten zu Fuss erreichbar. Ziegenmilch Glacé, Butter oder Weichkäse werden direkt auf dem Hof hergestellt, andere Produkte wie Geissenmilchpulver, Halbhartkäse, Shampoos, Crèmes oder Bodylotions entstehen in Zusammenarbeit mit Partnern. Der Hofladen inklusive Gelateria ist ausser im Winter täglich geöffnet. Nebst über hundert Ziegen leben auf dem Blüemlisberg ein halbes Dutzend Galloway-Rinder und einige Katzen.

Adam und Big Boss sorgen für Nachwuchs

Die wohl exklusivste und zugleich anstrengendste Aufgabe auf dem Blüemlisberg haben Adam und Big Boss, die beiden Geissböcke. «Sie verbringen den Herbst damit, die Geissendamen zu begatten.» Dabei urinieren sie sich zuerst in ihre Bockbärte, die dann gelb und später orangerot werden. Darin sammelt sich mit der Zeit ein Duft-Cocktail aus Harnstein und Hormonen an, der die Herde in Stimmung bringt. Die Böcke riechen, wenn eine Geiss empfänglich ist und machen sich an die «Arbeit», die nicht nur vergnüglich ist. Aber ein Bock muss tun, was ein Bock tun muss. «Nach einigen Wochen sind die beiden fixfertig, können kaum mehr laufen und liegen wie ein Häufchen Elend auf der Wiese herum.» Wenn Adam und Big Boss ihren Job gewissenhaft erledigt haben, sind Ende Herbst alle Weibchen trächtig. Und dann gibt’s im Frühling junge Geisslein.

Geissen auf dem Blüemlisberg
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Weniger ist cleverer

Andreas Reichlin hat Bock auf Business – aber nicht um jeden Preis. Er könnte tonnenweise Produkte exportieren und Reisebusse mit asiatischen Touristen auf den Blüemlisberg karren lassen – entsprechende Anfragen existieren. Man könnte auch doppelt so viele Geissen halten. Die Kapazitätsgrenze des Stalls ist längst nicht erreicht. Aber er tut es nicht: «Mehr Tiere heisst mehr Dichte und mehr Arbeit auf allen Ebenen.» Reichlin bleibt sich also treu. Er weiss, dass es zur Herstellung seiner Produkte vor allem eines braucht: gesunde Tiere. Die Geissen freut’s bestimmt – aber sie meckern wohl trotzdem.

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Luk Von Bergen

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Luk von Bergen

Schreibt alles: Storys, Songs, Gags. Für alle und für sich. Als grosser Tatort-Fan weiss er, wie man aus verdächtigen Informationen die richtigen Sätze und Botschaften ermittelt.

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