«Es geht nicht nur um Quadratmeter»
Tina Gojani forscht zu Kleinwohnformen und lebt selbst in einem Tiny House in Zürich. Ihr Alltag zeigt, wie stark sich Energieverbrauch über die Wohnfläche steuern lässt – und welches Potenzial darin für die Zukunft des Wohnens steckt.
Energiegespräch
Interview: Jeannine Hirt
Fotos: Timo Orubolo
Was hat Sie und Ihren Partner dazu bewogen, in ein Tiny House zu ziehen?
Wir wollten bewusster mit Ressourcen umgehen. In unseren früheren Wohnungen haben wir gemerkt, dass wir viel Raum – und damit auch Material und Energie – kaum nutzen. Daraus entstand der Wunsch, kleiner und ressourcenschonender zu wohnen.
Wie lebt es sich auf 13 Quadratmetern? Reicht der Platz?
Die Wege sind kurz, die Ausstattung ist reduziert. Wir haben keinen Geschirrspüler, keine Waschmaschine und keinen Backofen. Ein Teil des Lebens verlagert sich zudem nach draussen oder in die Stadt, wo unser Freundeskreis lebt und das Angebot riesig ist. Materiell reicht der Platz gut, weil wir nur besitzen, was wir wirklich brauchen. Im Zusammenleben werden Rücksichtnahme, Kommunikation und Organisation dafür umso wichtiger.
Wie viel hat Ihr Tiny House gekostet?
Wer ein vergleichbares Tiny House in der Schweiz plant, baut und bewilligen lässt, muss grob mit 150 000 bis 200 000 Franken rechnen. Wir haben jedoch alles selbst umgesetzt, deshalb ist unser Haus nur bedingt vergleichbar.
Wofür benötigen Sie Strom, und woher beziehen Sie ihn?
Vor allem für den Kühlschrank, das Licht, Laptop, Handy und weitere kleinere Geräte. Energieintensive Geräte wie Waschmaschine und Wäschetrockner haben wir bewusst outgesourct. Mit unserem Solardach und zwei zusätzlichen Photovoltaikpanels vor dem Haus decken wir je nach Wetter rund 70 bis 75 Prozent unseres Strombedarfs selbst. Überschüsse speichern wir in unserer hausinternen Batterie, im Winter beziehen wir den Rest als Ökostrom aus dem Netz.
«Die nachhaltigste Wohnfläche ist oft jene, die wir gar nicht erst bauen müssen.»
Tina Gojani
Streben Sie keine vollständige Stromautarkie an?
Hundertprozentige Autarkie ist nicht automatisch das Gelbe vom Ei. Auch Solarpanels verursachen graue Energie, etwa durch deren Herstellung und Transport. Gerade im urbanen Kontext macht es Sinn, bestehende Infrastruktur zu nutzen. Wichtiger ist für uns das Verständnis des eigenen Verbrauchs: Im Alltag merkt man sehr direkt, wofür Energie eingesetzt wird – und fragt sich schneller, was wirklich nötig ist.
Wie heizen Sie Ihre vier Wände aus Birkensperrholz?
Die Bauweise trägt viel bei: Die Holzständerkonstruktion mit Hochleistungsdämmung hält Wärme gut im Haus. Für Raumwärme und Warmwasser nutzen wir eine Kombiheizung und heizen derzeit noch mit Gas, weil das beim Bau die pragmatischste Lösung war. Heute würden wir einen kleinen Pelletofen wählen. Dank Südausrichtung und grosser Fenster kamen wir in einem Winter sogar ganz ohne Heizen aus.
Wie hoch ist Ihr Energiebedarf?
Auf 13 Quadratmetern Wohnfläche benötigen wir im Schnitt rund 65 Watt pro Person – etwa so viel, wie ein Laptop im Dauerbetrieb benötigt. Im Vergleich zu unseren früheren Wohnungen haben wir unseren Primärenergieverbrauch in den ersten drei Jahren um rund 90 Prozent reduziert. Nicht berücksichtigt ist dabei der Energiebedarf fürs Wäschewaschen, den wir ausgelagert haben. Unsere Wohnsituation zeigt deutlich, wie stark die Wohnfläche den Ressourcen- und Energieverbrauch beeinflusst.
Sie beschäftigen sich auch in der Forschung mit dem Thema. Was sind Kleinwohnformen?
Wir orientieren uns an rund 30 Quadratmetern Wohnfläche pro Person, für jede zusätzliche Person im Haushalt kommen rund 15 Quadratmeter hinzu. Kleinwohnformen sind dabei nicht nur Tiny Houses, sondern unterschiedliche Wohnlösungen auf kleiner Fläche: eigenständige, modulare Einheiten wie die sogenannten Stöckli 2.0 – kleine Zusatzwohnungen auf bestehenden Einfamilienhaus-Parzellen, angelehnt an die traditionellen Stöckli als Nebenhäuser auf Bauernhöfen – oder kleinere Wohnungen, die bestehende Gebäude ergänzen, etwa durch Aufstockungen oder Ausbauten.
60 Quadratmeter für eine dreiköpfige Familie. Ist das nicht deutlich weniger als üblich?
Ja. Der durchschnittliche Wohnflächenverbrauch pro Person liegt in der Schweiz bei rund 46 Quadratmetern. Jede Reduktion wirkt sich direkt auf Materialverbrauch, Energiebedarf und Unterhaltsaufwand aus. Das macht das Potenzial von Kleinwohnformen sichtbar: Jeder Quadratmeter hat einen ökologischen und finanziellen Rucksack. Je weniger Fläche wir pro Person beanspruchen, desto kleiner fällt dieser aus. Deshalb lohnt es sich, nicht nur über Gebäude zu sprechen, sondern über den Wohnflächenverbrauch pro Person.
Liegt die Lösung also auch darin, vorhandene Flächen besser zu nutzen statt neue zu erschliessen?
Genau. Ein zentraler Ansatz von Kleinwohnformen ist es, vorhandene Flächen effizienter zu nutzen – etwa in bestehenden Siedlungen, auf Dächern oder auf Brachen. So entsteht zusätzlicher Wohnraum, ohne weitere Flächen zu versiegeln. Studien der Hochschule Luzern zeigen, dass dabei besonders teilweise unternutzte Einfamilienhaus-Parzellen Potenzial bieten – etwa für modulare Einheiten wie das Stöckli 2.0.
Welche gesellschaftlichen Entwicklungen spielen dabei eine Rolle?
Es geht nicht nur um Quadratmeter, sondern auch um Lebensphasen, Eigentum und Generationenwechsel. Viele Menschen wohnen heute in Häusern, die ursprünglich für andere Lebenssituationen gebaut wurden. Verändern sich Bedürfnisse, können neue Wohnformen interessante Alternativen bieten.
Was bringt Ihnen die eigene Erfahrung für Ihre Arbeit?
Sie ist unser Proof of Concept: Wir reden nicht nur über Kleinwohnformen, wir leben sie – mit allen Chancen und Grenzen. Das hilft uns, realistische Konzepte zu entwickeln. Gleichzeitig ist klar: Diese Wohnform passt nicht für alle und nicht für jede Lebensphase.
Was müsste sich ändern, damit sich Kleinwohnformen stärker durchsetzen?
Heute gelten oft dieselben Bewilligungsanforderungen wie für grosse Gebäude – unabhängig davon, wie klein oder energieeffizient eine Wohnform ist. Wir wünschen uns mehr Verhältnismässigkeit. Deshalb haben wir im Verein Kleinwohnformen ein Energielabel entwickelt, das Bewilligungsprozesse vereinfacht, damit Gemeinden und Behörden im Rahmen eines Bewilligungsprozesses eine standardisierte energetische Beurteilungsgrundlage erhalten. In diesem praktischen Papier sind die wesentlichsten energetisch und ökologisch bedeutenden Kenndaten einer Kleinwohnform enthalten.
Welches Potenzial haben Kleinwohnformen langfristig?
Sie sind ein Baustein für ressourcenschonenderes Wohnen. Entscheidend ist, sie in integrierte Wohnkonzepte einzubinden – nicht nur als Zwischenlösung, sondern als Teil einer vielfältigen Wohnlandschaft. Projekte wie Wankdorf-City 3 in Bern mit neun Tiny Houses auf dem Dach des historischen Magazingebäudes oder ein aktuelles Bauprojekt im Zürcher Weinland, bestehend aus fünf Tiny Houses auf derselben Parzelle wie acht Doppel-Einfamilienhäuser, zeigen: Das Interesse wächst. Und je sichtbarer solche Wohnformen werden, desto selbstverständlicher werden sie ein Teil unserer Wohnzukunft.
In Kürze
Tina Gojani (40) ist Gründerin und Co-Geschäftsleiterin des Kollektivs Winzig und leitet den Kreis Forschung im Verein Kleinwohnformen Schweiz. Sie begleitet Studien, Konzepte und Beratungen zu neuen Wohnformen. Gemeinsam mit ihrem Partner Alesch Wenger plante und realisierte sie das Tiny House «Immergrün». Seit 2018 steht dieses auf dem Basislager-Areal in Zürich Altstetten. Die Zwischennutzung ist derzeit bis Ende 2027 bewilligt.