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Boris Previsic

«Wir brauchen die Refossilisierung»

Wie holen wir das CO2 aus der Atmosphäre? Der Kulturhistoriker Boris Previšić über die künftige Industrie für Negativemissionen, über Nahrungsmittel aus Bakterien und zeitliche Horizonte in der Erdgeschichte.

Energiegespräch

Interview: Andreas Turner
Fotos: Kilian J. Kessler

Herr Previšić, in der Geschichte des Planeten Erde gab es bereits mehrere Massenaussterben, meist ausgelöst durch Klimaerwärmungen. Ist als nächstes der Mensch an der Reihe?
Zunächst ist festzuhalten, dass der Mensch schon sehr viele Arten von Lebewesen ausgerottet hat – und zwar nicht erst, seit er fossile Energien verbrennt. Für die Zukunft ist es sehr viel wahrscheinlicher, dass zuerst die meisten Insekten ausgestorben sein werden, bevor der Mensch dran ist. Er stirbt also nicht aus, weil die Klimaerhitzung sich nur gegen ihn wendet, sondern weil er seine komplette Biosphäre und damit seine Lebensgrundlage zerstört. 

 

Wir scheinen immer nur auf bereits erfolgte Katastrophen zu reagieren. Fehlt uns für schleichende Bedrohungen schlicht das Sensorium?
Eine Katastrophe auf sich zukommen lassen – das beherrscht der Mensch perfekt. Wir stecken ja schon mitten drin in der Klimakrise, tun aber so, als ob sie erst noch kommen wird. Zudem sagt uns unsere kulturelle Tradition: Es kann einfach nicht sein, dass das Klima in unserer «Zivilisation» verrückt spielt. Schmelzende Polarkappen? Überflutetes Pakistan? Dürrekatastrophe am Horn von Afrika? Egal, es ist für uns noch immer eine Randnotiz. 

 

Energiegewinnung aus Gas und Biomasse wird absurderweise nach wie vor als Übergangstechnologie betrachtet.
Wenn ich auf den Kohlekreislauf einwirke, indem ich fossile Energieträger verbrenne, bringe ich biologische Prozesse durcheinander, die vor 300 Millionen Jahren stattgefunden haben. Das ist absolut irrwitzig. Die Natur arbeitet in viel kürzeren Zyklen. Wir überführen Materie vom stabilsten in den labilsten Zustand, indem wir sie in den kürzesten Kreislauf einschleusen – jenen der Atmosphäre. Jegliche Verbrennung ist letztlich die ineffizienteste Form der Energienutzung. Dafür sind fossile Rohstoffe allesamt viel zu kostbar. 

Portrait von Boris Previsic

Alle schauen beim CO2-Ausstoss auf den Verkehr, den Gebäudepark und die Industrie. Dabei ist die Nahrungsmittelproduktion der grösste einzelne Treibhausgas-Emittent der genannten Sektoren. Die Weltbevölkerung wächst jährlich um 70 Millionen Menschen und muss ernährt werden. Stellt sich uns hier eine der grössten Klimahürden entgegen?
Der Verkehr, zumindest auf dem Land, lässt sich relativ einfach dekarbonisieren, über die Technologie dazu verfügen wir. Der Gebäudepark ist technisch auch gelöst, und in der Industrie müssen Power-to-Gas- und andere Wasserstofftechnologien zum Einsatz kommen, um die nötige Prozesswärme zu generieren. Die Landwirtschaft wird vor allem dann zur Hürde, wenn sie industriell betrieben wird. Insbesondere die Produktion von tierischem Eiweiss ist problematisch. Inzwischen zeichnen sich auch dafür bereits Lösungen ab: So nutzt etwa das finnische Start-up Solar Foods Ökostrom zur Erzeugung von Wasserstoff, der mit Kohlendioxid, Wasser, Vitaminen und Mineralien kombiniert wird, um eine mikrobielle Biomasse zu füttern und zu züchten, die als essbares Protein verwendet werden kann.  

 

Das Eiweiss spenden dann weder Tiere noch Pflanzen, sondern Bakterien?
Ja, das ist dann ein gelbes Proteinpülverchen, das auch sämtliche Mineral- und Vitalstoffe enthält. Der Muffin schmeckt damit wieder authentisch und nicht wie ein veganes Derivat. 

 

Unser Kohlenstoffbudget ist längst ausgeschöpft, doch weltweit werden zusätzliche 37 Gigatonnen pro Jahr ausgestossen. Das erhöht die Dringlichkeit, der Atmosphäre aktiv CO2 zu entziehen. Wie kann sich eine solche Industrie für Negativemissionen formieren? 
Genauso, wie wir die letzten 250 Jahre fossile Industrien aus dem Boden gestampft haben, braucht es künftig Industrien für Negativemissionen, die leider erst im Ansatz vorhanden sind. Konkret müssen wir die CO2-Konzentration in der Atmosphäre von aktuell 420 Parts per Million (ppm) auf höchstens 350 ppm reduzieren. Die effizienteste Methode dabei ist, das CO2 direkt bei seiner Entstehung abzusaugen und einzulagern – etwa bei der Zementproduktion oder aus Kehrichtverbrennungsanlagen. Zusätzlich braucht es geeignete Standorte für «Direct Air Capture» – wie etwa in Island, wo die notwendige Erdwärme ohne viel Aufwand verfügbar ist, um den Kohlenstoff direkt aus der Luft zu saugen und wieder zuverlässig zu speichern. 700 Meter unter der Erde verpresst, mineralisiert das CO2 dort basaltisches Grundgestein zu Karbonatmineralien. So funktioniert die «Refossilisierung» von atmosphärischem CO2. 

Boris Previsic sitzt an einem Tisch vor einem Bücherregal

Die Zeit ist uns in Bezug aufs Klima bereits davongelaufen und die internationalen Klimakonferenzen dokumentieren seit 44 Jahren eine Chronik des Versagens. Müssen wir uns da nicht eingestehen: Ohne konkrete Verbote fossiler Energieträger wird es nicht gehen?
Zumindest müssten die CO2-Emissionen verursachergerecht eingepreist werden. Bei Climeworks kostet die Tonne abgesaugtes CO2 rund 1000 Franken. Also ist die Rechnung einfach: Mit einer Tonne Erdöl stosse ich je nach Gewinnung über 4000 Tonnen CO2 aus. Der jetzige Preis für fossile Brennstoffe müsste sich also vervielfachen – mit sinkender Tendenz, denn auch bei der Industrie für Negativemissionen wird es Skaleneffekte geben. Ein Verbot fossiler Energieträger wäre sehr effizient. Es müsste nicht erst beim Verbrauch, sondern schon bei der Produktion ansetzen. Bei den FCKW für Kühlschränke und Klimaanlagen haben wir ein Verbot ja auch durchgesetzt. 

 

Anders als Ihre Bücher «CO2: Fünf nach zwölf» und «Zeitkollaps» haben die Projekte Ihres Instituts «Kulturen der Alpen» einen langfristigen Horizont. Wie kommt es zu dieser scheinbaren Diskrepanz?
Mein vielleicht grösstes Anliegen ist es, die Zivilisationsgeschichte der Menschheit mit der Erdgeschichte zusammen zu denken. Wir wissen heute, dass es in den letzten 541 Millionen Jahren, also seit es sichtbares Leben gibt, fünf grosse Artensterben gegeben hat. Wenn ich von «Kulturen der Alpen» rede, geht es mir vor allem um das Zusammenwirken des Menschen mit der Biosphäre. Diese Interaktion ist in den Alpen eine viel intensivere. Und sie hat immer wieder Lösungen hervorgebracht, die nur gemeinschaftlich zu realisieren waren. Wie unser Klimaproblem, das eine globale Aufgabe darstellt.  

In Kürze

Prof. Dr. Boris Previšić (50) ist Professor für Literatur- und Kulturwissenschaften an der Universität Luzern und Direktor des Instituts «Kulturen der Alpen» in Altdorf. Seit 2018 widmet er sich eingehend klima- und kulturpolitischen Fragen, insbesondere einer hochskalierten CO2-Rückbindung.  

Florian Birchmeier Redact Kommunikation

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