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Tetris, Muckis und Leckerlis

Seit beinahe vier Jahrzehnten bringt Jacqueline Duchene Briefe und Pakete in die Dörfer des Zürcher Unterlands. Trotz Digitalisierung und wachsendem Paketberg ist für die Pöstlerin eines gleich geblieben: Der Kontakt zu den Menschen macht ihren Beruf aus.

Reportage

Text: Celeste Blanc
Fotos: Timo Orubolo

Pöstlerin Jacqueline Duchene auf ihrem elektrischen Dreirad.
Jacqueline Duchene sorgt seit 39 Jahren als Pöstlerin dafür, dass Briefe und Pakete pünktlich ankommen.

Die Sonne hat gerade die Baumwipfel erreicht, als die Kirchenglocke sieben Uhr schlägt. Während damit für viele der Arbeitstag erst beginnt, herrscht im Verteilzentrum der Schweizerischen Post in Glattfelden seit über einer Stunde Hochbetrieb. Die Briefe und die Zeitungen sind bereits von Hand nach ihren Routen sortiert, nun folgt die Vorbereitung der Pakete. Es wird gescannt, verschoben, verladen. Jeder Handgriff sitzt. Mitten im organisierten Gewusel: Jacqueline Duchene.

Die Pöstlerin, die viele in der Region als «Jackie» kennen, belädt ihr elektrisches Dreirad für die bevorstehende Tour. Sie hievt ein grosses, längliches Paket in den Anhänger. «Ich spiele tagtäglich Tetris», sagt sie und stemmt mit einem lauten Lachen die Arme in die Hüften. «Und dabei trainiere ich ganz nebenbei auch noch meine Muckis.»

Die Verbindung zur Aussenwelt

Jackie nimmt ein weiteres Paket aus dem Rollwagen und scannt es mit einem lauten Pieps ins System ein. Es ist eins von durchschnittlich 100 Paketen, die sie an diesem Tag zustellen wird. Sie verstaut es im Anhänger, der nun rappelvoll ist. Im Briefkorb vorne am Lenker hingegen ist noch reichlich Platz. Während der Paketberg Jahr für Jahr wächst, sinkt die Briefmenge stetig. Die Post stellt heute nur noch rund 1,64 Milliarden Briefe pro Jahr zu. Das entspricht maximal zwei bis drei Briefen pro Einwohner und Woche. Zum Vergleich: Im Jahr 2000 war das Briefvolumen 40 Prozent höher. «Früher war Briefpost mehr als Rechnungen», erinnert sich Jackie. «Sie war persönliche Kommunikation.» Geburtstagskarten, Brieffreundschaften oder handgeschriebene Grüsse seien mit den digitalen Medien weitgehend verschwunden. Und viele Dokumente von Banken, Versicherungen und Behörden sind mittlerweile online verfügbar. Und trotzdem: Der Briefversand sei nach wie vor ein wichtiger Pfeiler der Kommunikation, ist die Pöstlerin überzeugt. «Nicht alle älteren Menschen kommen bei der Digitalisierung mit. Mit unserer Arbeit schliessen wir diese Lücke und sind für sie nach wie vor die Verbindung zur Aussenwelt.»

Jacqueline Duchene füttert einen kleinen Hund.

«Mit unserer Arbeit sind wir nach wie vor die Verbindung zur Aussenwelt.»

Jacqueline Duchene, Pöstlerin in Glattfelden

Technologie verändert den Beruf

Kurz vor acht Uhr sind alle Pöstlerinnen und Pöstler ausgeflogen. Vom Verteilzentrum fahren sie in die naheliegenden Gemeinden Neerach, Weiach, Bachs und Stadel. Rund 20 Mitarbeitende sind für mehr als 9000 Haushalte verantwortlich. 700 davon fährt Jackie heute an. Fast lautlos fährt sie mit ihrem gelben E-Dreirad in Richtung Weiach, vorbei an grünen Feldern und Bauernhäusern mit roten Geranien. Seit 39 Jahren ist Jackie Pöstlerin aus Leidenschaft. «Nach der Ausbildung hätte ich nie gedacht, dass ich mein ganzes Leben bei der Post arbeite.» Heute ist für die 58-Jährige klar: «Wenn es der Körper mitmacht, bleibe ich bis zur Pension.»

Der stetige gesellschaftliche, aber auch technologische Wandel habe ihren Beruf immer wieder verändert. «Früher tätigte ich Geldüberweisungen für Kundinnen und Kunden oder brachte AHV-Renten zu Pensionierten ins Altersheim», erinnert sie sich zurück. Heute machen Automatisierung und Digitalisierung die Arbeitsvorgänge immer speditiver, Sortiersysteme und Navigationsgeräte vereinfachen die Arbeit. «Doch die stetige Effizienzsteigerung bleibt aber nicht ohne Konsequenzen», sagt Jackie. In den letzten Jahren seien die Erwartungen der Kundinnen und Kunden zunehmend gestiegen. Lieferungen sollen möglichst schnell erfolgen. Zudem erhöht der Wettbewerb mit anderen Logistikunternehmen den Zeitdruck.

Jacqueline Duchene mit einer Paketempfängerin.

Dorf-Post hat besonderen Reiz

Haus für Haus führt die Route Jackie durch den historischen Dorfkern und vorbei an verzierten Metallzäunen, die blühende Gemüse- und Blumengärten umfrieden. Hier und dort warten bereits Hunde auf ihre Leckerlis, welche die Pöstlerin im Getränkefach mitführt.

Die Gemeinde kennt die Pöstlerin wie ihre Westentasche. Seit 24 Jahren lebt sie hier, engagiert sich im Schützenverein und kennt viele Menschen persönlich. Wie beispielsweise Gabriel Wettstein. «Was, schon so früh auf, obwohl du Ferien hast?», fragt Jacqueline Gabriel Wettstein, der ein Paket entgegennimmt. «Es gibt immer was zu tun», antwortet er lachend.

Sind Pöstlerinnen und Pöstler in urbanen Gebieten entweder für Briefe oder Pakete zuständig, tragen sie in ländlichen Gebieten beides aus. Doch die Arbeit geht über das Verteilen hinaus: Nach der Tour werden zurück im Verteilzentrum unzustellbare Sendungen bearbeitet, Nachsendungen erfasst und Adressdaten aktualisiert. «Diese Vielfältigkeit macht den Reiz der Dorf-Post im Vergleich zur Stadt spannend», so Jackie.

Ein Beruf mit Stolz

Mittlerweile ist es kurz vor Mittag. Jackie macht vor dem letzten Quartier, einer modernen Siedlung mit Mehrfamilienhäusern, eine kurze Pause. Sie sitzt auf ihrem E-Dreirad und hat die Hände in die Hosentasche gehakt. Unter der Kappe blitzen ihre blauen Augen hervor.

Das Thermometer zeigt bereits 32 Grad an. Hitze, Regen oder Kälte – als Pöstlerin ist Jackie täglich der Witterung ausgesetzt. Doch das stört sie nicht. «Daran gewöhnt man sich», meint sie. Doch es ist vor allem der Kontakt zu den Menschen, der ihre Arbeit ausmacht. Die Menschlichkeit, die sie täglich erlebe, entschädige vieles – auch die Witterung. «Beziehungen pflegen, zuverlässig arbeiten und Verantwortung übernehmen – all das gehört zum Berufsstolz», sagt sie. «Und das ist das Beste an meinem Job.» Jackie startet mit einem breiten Lächeln ihr E-Dreirad und fährt durch eine enge Strasse zur nächsten silbergrauen Front aus Briefkästen. Aus der Ferne ist ein fröhliches «Hallo Jackie, da bist du ja endlich!» zu hören.

Michael Frischkopf

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