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Die richtige Mischung: Abstimmung auf einer Tonanlage.
Hansi Voigt

«Der digitale Leser ist eine riesige Chance»

«Watson»-Gründer Hansi Voigt wirft einen scharfen Blick auf die Trends im Digital Publishing und den digitalen Wandel der Medien.

Wie hat sich Ihr Interesse für Medien entwickelt?
Ich bin in Deutschland geboren. Das Land steht, in seiner jüngeren Geschichte, einerseits für demokratische Meinungsbildung und andererseits für Propaganda. Das hat mich geprägt und fasziniert mich. Ausserdem stamme ich aus einer Familie, die zu Hause immer viel über die ganz grossen Themen gestritten und diskutiert hat. Ich habe früh gelernt, Gerechtigkeit einzufordern.

Haben Sie watson.ch aus einem Bauchgefühl heraus entwickelt – oder auf Basis scharfer Marktanalysen?
Mein Ziel war es immer, journalistische Inhalte und Gedanken zu den Leuten zu bringen und zur Debatte zu stellen. Predigen finde ich langweilig. Ausserdem kann ich als Journalist nicht mehr darauf bauen, dass die Leute zu den Inhalten kommen. Ich muss die Inhalte zu den Lesern bringen. Wir konnten dabei auf unsere grosse Online-Erfahrung bei 20min.ch zurückgreifen. Aber letztlich war sicher auch viel Bauchgefühl dabei.

«Das teure Gut sind nicht mehr die Informationen. Das teure Gut ist meine Aufmerksamkeit.»

Hansi Voigt

Wie entwickelte sich watson.ch seit Ihrem Abgang?
Die Navigationsleiste auf der Website entstand nach meiner Zeit, und – ehrlich gesagt – ich finde sie ziemlich unnütz. Aber ansonsten bin ich sehr stolz darauf, wie sich watson.ch entwickelt. Die DNA ist gleich geblieben.

Gratiszeitungen wie «20 Minuten» haben in den Köpfen der Leute die Meinung gefestigt, journalistische Arbeit sei unentgeltlich zu haben. Auch die Inhalte von watson.ch sind gratis. Waren Sie am «Ausverkauf des Journalismus» folglich massgeblich beteiligt?
Das Problem sind – in diesem Fall – nicht die Gratiszeitungen. Wir haben einfach, dank der Digitalisierung, unendlich viele Informationen jederzeit zur Verfügung. Jeder Artikel ist heute fünf Minuten lang «News» und danach für die Ewigkeit Bestandteil eines immer grösser werdenden «Archivs». Da gilt das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Das teure Gut sind nicht mehr die Informationen. Das teure Gut ist meine Aufmerksamkeit. Weshalb soll ich für Informationen zahlen, die es doch im Überfluss gibt? Hier verschiebt sich die gesamte Wertschöpfungskette radikal. Die zentrale Frage wird irgendwann mal lauten: Wer bezahlt mich, damit ich «20 Minuten» lese oder auf Facebook meine Datenspur hinterlasse? Ich schaffe schliesslich einen Mehrwert und will davon einen Anteil.

Zur Person

Die journalistische Laufbahn von Hansi Voigt begann als Produzent der Wirtschafts-Wochenzeitung «Cash», die er zuletzt als Chefredaktor interimistisch leitete. Unter seiner Leitung entwickelte sich 20min.ch zum grössten Newsportal der Schweiz. 2013 gründete er mit Franz Ermel und Steven Goodman die Newsplattform watson.ch. 2016 übergab Voigt die «Watson»-Geschäftsführung an Michael Wanner. Das Interview führte Praktikantin Chiara Frey anlässlich eines Impulsreferats in den Räumen von Redact.

Hat Print Ihrer Meinung nach auf irgendeinem Gebiet noch Vorteile gegenüber den digitalen Kanälen?
Gedruckte Medien werden massiv an Reichweite und somit an Relevanz verlieren. Ganz aussterben werden sie nicht. Eine Zeitung oder ein Heft, das man in die Hand nehmen kann, stellt ein abgeschlossenes Werk dar. Das behält durchaus seinen Reiz. Der Grossteil des täglichen Mediengeschehens wird in Zukunft aber nur noch online stattfinden.

«Die Behauptung, online würde nur Kurzfutter konsumiert, ist Quatsch.»

Hansi Voigt

Welche digitalen Publishing-Formate erscheinen Ihnen als besonders zukunftsträchtig? Wohin gehen Ihrer Meinung nach die Trends?
Zunächst sollte «Online» als eigene Mediengattung begriffen werden. Zukunftsträchtig erscheint mir hierbei alles, was dem Leser nützt oder ihn einbezieht. Wenn die Informationsvermittlung dabei nicht vor allem nach trockener Arbeit aussieht, umso besser. Die Behauptung, online würde nur Kurzfutter konsumiert, ist Quatsch. Auch wirklich gut geschriebene Formate finden ihre Leser. Mit Betonung auf «wirklich gut». Denn grundsätzlich wird «Durchschnitt» gnadenlos bestraft. Durch Nichtbeachtung. Ausserdem bin ich sehr offen für journalistische Native-Advertising-Formate. Aber nur bei absoluter Transparenz und nur dann, wenn der Werbetreibende sich wirklich als Ermöglicher versteht und nicht als Manipulator. Ich weiss, das ist ein schmaler Grat. Aber gerade «Watson» liefert hier, bei hoher journalistischer Glaubwürdigkeit, sehr viele gelungene Beispiele.

Wie würden Sie die besten Rezepte aus dem Online-Journalismus aufs digitale Content Marketing übertragen?
Es geht immer um die Geschichte. Und viele kleine Storys ergeben die grosse Geschichte. Mein Rezept lautet: Erkennt den Kern oder die DNA der grossen Geschichte und verbreitet sie in ganz vielen kleinen Aspekten und Mosaiksteinen.

Top Ten der beliebtesten Schweizer Websites

Newsportale waren auch im Juli 2019 die beliebtesten Websites. Die deutschsprachige Version von 20min.ch führte das Ranking klar an mit 112,5 Millionen Visits. Mit sbb.ch kommt die erste Service-Website auf Rang 4 zu liegen. Das von Hansi Voigt gegründete watson.ch erreicht rund einen Zehntel der Besucher und liegt auf Rang 9.

Michael Frischkopf

Über den Autor

Michael Frischkopf

Der Musikbegeisterte spielt mit Taktgefühl auf der Medienklaviatur. Als Geschäftsführer orchestriert er Kollegen, Kunden und Konzepte; als Texter nutzt er alle Zwischentöne.

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